Samstag, 23. August 2014

Ein halbes Jahr

Als mir die Stationsärztin mit der strengen Prinz Eisenherz Frisur sagte, meine Rückenschmerzen kämen von einem Tumor, den man noch suchen muss, begriff ich gar nicht, was sie meinte. Woher soll man denn auch wissen, dass ein Tumor Rückenschmerzen verursachen kann.
Erst am nächsten Tag wurde mir klar: Du hast Krebs und der hat schon gestreut!
Das ist nun genau ein halbes Jahr her. Was ist ein halbes Jahr? Für uns alte Leute vergeht es sehr schnell. Wir sagen ja: ist denn schon wieder Weihnachten, oder: sind die Enkelkinder aber schnell groß geworden!
Doch kann ich mich auch an Zeiten erinnern, wo ein halbes Jahr sehr lange war. Da war die Zeit, als ich meine Frau kennen und lieben gelernt hatte, und wir ein halbes Jahr getrennt waren. Es gab die komplizierte Schwangerschaft, wo zwei Drittel der Zeit  unendlich lang erschienen, als diese Zeit vor uns lag. Auch nun kommt mir dieses halbe Jahr seit der Diagnose lang vor, denn es hat sich viel getan. Kürzlich kam ja auch noch die Gürtelrose dazu!
Ich habe versucht, das in meinem Blog zu beschreiben. Meine Umwelt hält mich für tapfer. Aber ich glaube nicht, dass ich schon das Prädikat verdient habe, das man manchmal auf Todesanzeigen liest: Nach langer, schwerer und mit Tapferkeit ertragener Krankheit hat er sein Ziel erreicht…
In der Tat hatte ich bislang doch immer wieder die Kraft, mich zu erholen, obwohl ich - jetzt zurückblickend - in diesem halben Jahr nur etwa vier Wochen wirklich schmerzfrei war. Aber ich weiß, meine Kraft ist nicht unbegrenzt.
Mir ist da folgendes Bild eingefallen: Ich befinde mich mit einem Raumschiff auf einer galaktischen (Abenteuer)-Reise und habe nur begrenzte Vorräte an Treibstoff, mit dem ich meinen Kurs korrigieren kann. Irgendwann sind diese Vorräte aufgebraucht und dann verschwinde ich führungslos irgendwo im All. Es sei denn, ich hätte mir eine kleine Reserve aufgehoben, um damit wieder in die Umlaufbahn der Erde zu geraten und dort als Komet zu verglühen.


Dienstag, 19. August 2014

Schmerzen ignorieren

Leider bin ich damit nicht sehr weit gekommen. Im Internet habe wieder alles zu Schulter und Achselhöhle durchsucht. Sichtbare Veränderungen an der Haut zeigten dann die richtige Spur: Gürtelrose. Dies bestätigte auch der Hausarzt und verschrieb dicke Pillen, die alle 4 Stunden zu nehmen sind.
Bin richtig erleichtert, dass das mal nichts mit dem Ca zu tun hat, allenfalls ist eventuell das Immunsystem geschwächt.
"So ist das Leben" sagt sogar manchmal schon der kleine Philipp!
Nachdem unsere Enkel ja vor kurzem die Windpocken überstanden haben, ist der Grundstock gelegt für das, worunter der Opa gerade ziemlich leidet...

Montag, 18. August 2014

Ich darf wieder 20kg heben

6 Wochen sind seit meiner Wirbelsäulen OP vergangen und laut Merkblatt darf ich nun wieder maximal 20kg heben. Ich habe aber das vorherige Limit 5kg auch nicht so ganz ernst genommen (genauso wenig wie den 4 wöchigen Führerschein Entzug).
Meinen Vorsatz Elektoschrott zu entsorgen, habe ich nun begonnen umzusetzen. Ich gehöre ja noch zu der Generation, der es schwer fällt, funktionierende Geräte, die man mit Herzblut gekauft hat, einfach wegzuwerfen.
Aber es will sie keiner mehr. Ich selbst will auch nicht mehr mit quälend langsamen PCs oder eiernden Video- bzw. Tonbändern, oder rauschenden Cassetten arbeiten.
Das Auto ist schon fast voll und ich muss noch sehen, wo ich das Zeug loswerde. Es ist gut, wenn man was zu tun hat. Die Schmerzen in der Schulter ignoriere ich jetzt erst mal. Habe einfach keine Lust auf KH.

Sonntag, 17. August 2014

Letzter Brief an meinen Schwager

Beim Familienfest zitierte ich aus dem letzten Brief an meinen Schwager, der mir vor einigen Jahren vorausgegangen ist:

Lieber Schwager,
bevor wir demnächst ans andere Ende der Welt fahren, ist es mir ein Bedürfnis, Dir persönlich zu schreiben.
Wir denken oft an Dich und ich überlege, wie ich in Deiner Situation handeln würde. Ich weiß nicht, ob ich mich so überlegt und bewusst in mein Schicksal fügen könnte, wie wir es bei Dir erleben!
Auch meine Frau gibt zu, dass sie beim Lesen der Zeitung bei den Todesanzeigen auch auf das Geburtsjahr der Verstorbenen schaut. Man sieht so allmählich, wie auch unsere Jahrgänge auftauchen, wobei man natürlich hofft, noch nicht so schnell an der Reihe zu sein.
Andererseits weiß man jenseits der 60, die große aktive Zeit ist vorbei und was man jetzt noch erlebt ist ein Geschenk, das man dankbar annehmen muss.
Bei den Eltern haben wir erlebt, was bleibt, wenn jemand die Erde verlässt. Dies gilt auch für Personen, die sehr bedeutend waren, oder sich für solche gehalten haben. Mir ist das ein Zeichen, das eigene Leben nicht so wichtig zu nehmen, die Welt wird sich weiter drehen, auch wenn ich einmal nicht mehr dabei bin.
Dein Beispiel hilft zu einer solchen Einstellung...

Statement zum Familienfest

Liebe Gäste,das letzte Mal, als wir uns in dieser Runde trafen, feierten wir unbeschwert den Geburtstag meiner Frau. Ich hatte zwar seit einiger Zeit das Gefühl, dass gesundheitlich etwas nicht stimmte, aber auch der Hausarzt konnte das nicht erklären. Die Diagnose des nicht mehr heilbaren Tumors war im Februar ein Schock für uns alle. Das ist nun etwa ein halbes Jahr her und wir haben mittlerweile viel erlebt.Da ist zunächst die Erfahrung der Liebe und des Mitgefühls, was sonst im Alltag nicht so deutlich wird. Wir leben bewusster, freuen uns über jeden gelungenen Tag und wir haben ein bisschen gelernt, mit der Krankheit umzugehen.Dann ist da die medizinische Seite: Mit meinem Krankenhaus habe ich gute Erfahrungen gemacht. Ich bin immer wieder erstaunt, welche Mühe man sich gibt und welcher Aufwand (auch finanziell) getrieben wird, um einem älteren Menschen, der sein Leben eigentlich gelebt hat, noch eine gute Zeit zu ermöglichen. Fast könnte man ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man sieht, wie leichtfertig wo anders auf der Welt mit einem Menschenleben umgegangen wird.Was bleibt, ist die Angst vor der Zukunft, da Krebs eine sehr „schmerzintensive“ – wie es im Fachjargon heißt – Krankheit sein kann. Irgendjemand hat diesen Lebensabschnitt einmal als das letzte große Abenteuer bezeichnet. Dieses beschreibe ich auch in meinem Internetblog, von dem Ihr die Adresse habt.Es gilt die Zeit zu nutzen, in der es gut geht und ich freue mich, dass ich heute, so wie früher, am Grill stehen kann. Aber, wie meine Schwester aus ihrer letzten Zeit mit ihrem Mann erzählte: sie waren immer zu dritt, denn er – der Krebs – war immer irgendwie dabei. Doch heute hat er friedlich zu sein.

Freitag, 15. August 2014

Mariä Himmelfahrt

Heute ist bei uns Feiertag: Mariä Himmelfahrt
Als ich im Morgengrauen aufwachte, tat es in der rechten Achselhöhle weh. In meinem "Urteil" stand doch auch etwas von Lymphknotenvergrößerung? Also ab ins Internet und suchen. Bald landete ich natürlich auf:
http://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/prostatakrebs/stadium-fortgeschritten.
Damit war die Stimmung für den ersten Teil des Tages gelaufen.

Als gute Katholiken waren wir in der Kirche und sangen zum Schluss:

6. Segne Du Maria, unsre letzte Stund!
Süße Trostesworte flüstre dann Dein Mund.
Deine Hand, die linde, drück das Aug uns zu,
|: Bleib im Tod und Leben unser Segen Du!:|

Donnerstag, 14. August 2014

Urteil, war es Tod auf Verlangen ?

Weiden. (dpa/we) Die tödlichen Schüsse auf seine unheilbar kranke Ex-Frau muss ein 64 Jahre alter Mann mit acht Jahren Haft büßen. Das Landgericht Weiden sprach den Mann am Donnerstag unter anderem wegen Totschlags schuldig. Nach Überzeugung des Gerichts hatte der Mann im vergangenen Oktober die unheilbar an Krebs erkrankte 61-Jährige mit drei Kopfschüssen umgebracht.
Das Paar hatte trotz der Scheidung in Weiden zusammengelebt. Die Frau hatte wegen ihrer schweren Krankheit nur noch eine Lebenserwartung von wenigen Wochen oder Monaten.

Aus dem Bericht im Oberpfalznetz:
Wochenlang sei über Suizid gesprochen worden. "Unser Plan war, zum Gardasee zu fahren. Wir wollten gemeinsam aus dem Leben gehen." Die Waffen lagen schon im Auto. "Dann haben wir gemerkt, die weite Fahrt ist nicht mehr möglich." Selbst ein Freitod am Felixberg nicht mehr: "Es kam wieder ein Krankheitsschub und wir haben gemerkt: Wir kommen aus der Wohnung nicht mehr raus."
"Sind Sie nie auf eine alternative Möglichkeit gekommen, aus dem Leben zu scheiden?", fragt Richter Markus Fillinger. Doch, sagt Kurt N. Beim Onkologen habe man sich nach humaner Sterbehilfe in der Schweiz erkundigt. Der Arzt habe auf Adressen im Internet verwiesen. "Aber eine Fahrt dorthin war unmöglich geworden." Ein Flug? Noch weniger möglich. "Sie hatten doch genügend Gift daheim", spielt Fillinger auf die Schmerzmittel an. Auch darüber habe er sich mit einem Apotheker unterhalten, sagt N. Der riet ab: "Da wissen Sie nie, wie es ausgeht."

Fazit: Das Ende ist nicht so leicht zu realisieren - zumal bei uns in Deutschland

17 Monate sind geboten

Beim Surfen im Internet habe ich heute im Morgengrauen folgende Meldung entdeckt! Ich werde der Sache nachgehen!
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Zugabe von Docetaxel zu einer Hormontherapie verlängert wesentlich die Überlebenszeit
ASCO 2014, 1. Juni 2014 (American Society of Clinical Oncology): Die Zugabe von Docetaxel zu einer Standard Hormontherapie verbessert wesentlich die Gesamtüberlebenszeit bei metastasierten, hormonsensitiven Prostatakrebs.
Ergebnisse einer Phase-III-Studie E3805, zeigen, dass die Zugabe von Chemotherapeutikum Docetaxel zur Standard-Hormon-Therapie verlängert das Überleben von Männern mit neu diagnostiziertem hormonsensitiven Prostatakrebs um rund 10 Monate.
Bei fortgeschrittenen, metastasierten Prostatakrebs war der Überlebensvorteil deutlich größer.
Die relative Verlängerung der medianen Gesamtüberlebenszeit war sogar noch größer unter den 520 Patienten mit fortgeschrittenen, metastasierten Prostatakrebs: 32,2 Monate vs. 49,2 Monate (Unterschied von 17,0 Monate).
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Mal sehen, was meine Ärzte dazu sagen?

Mehrfach nachgefragt: Mein "Uro" zuckte die Schultern, "soll ich Sie den Onkologen vorstellen?". Bei der Infoveranstaltung am 25.10. war man deutlicher: Das kommt höchstens bei sehr jungen Patienten infrage und es gibt auch widersprechende Studien.

Aufwachen aus der OP

Habe heute mit Bekannten über die Krankheit gesprochen: Was wäre passiert, wenn ich nach der OP nicht wieder wach geworden wäre: Aus meiner Sicht

  NICHTS

(Dass ich die blauen Gestalten im Aufwachraum für Engel gehalten habe, deutet darauf hin, dass religiöse Fundamente aus der Kindheit noch aktiv sind?)
Sicher meine Umwelt hätte rotiert und ich versuche, da nicht ein allzu großes Chaos zu hinterlassen. Ich bin stolz darauf, heute bereits eine Portion Elektroschrott entsorgt zu haben!

Dienstag, 12. August 2014

Wolfgang Bosbach

Heute morgen im MOMA hat mich wieder Herr Bosbach angestrahlt! Meine Schwester hatte mir zum Geburtstag ein Buch über ihn, der an der gleichen Krankheit leidet, geschenkt.

In Wiki findet man: Am 3. Juni 2010 machte Bosbach im ZDF in der Talkshow Markus Lanz seine Prostatakrebserkrankung öffentlich. Im August 2012 gab Bosbach bekannt, dass die Erkrankung wegen fortgeschrittener Metastasen unheilbar sei. Dennoch kandidierte er bei der Bundestagswahl am 22. September 2013 und wurde erneut direkt gewählt.
Nachdem bei mir die Sache mit der Stenose nun ausgestanden ist, fühle ich mich eigentlich wieder so gut wie an meinem Geburtstag - und in dieser Phase (schlafender Krebs durch Hormonentzugstherapie) unserer gemeinsamen Krankheit ist Herr Bosbach vermutlich auch. Gut, er ist 7 Jahre jünger als ich und arbeitet noch aktiv. Die Erfahrung habe ich aber auch gemacht: wenn es etwas zu tun gibt, was ich kann, fühle ich mich besser. Aber trotzdem bin ich froh, in Rente zu sein, und meine Zeit selbst bestimmen zu können.